Der liebe Gott, Valerie und die Mukoviszidose

Dienstag morgen 6.50 Uhr. Valerie (10 Jahre) kurz vor dem Verlassen der Wohnung. Ich (Mutter) werfe einen Blick auf den Stundenplan.
Ich: "Valerie, hast du dein neues Reli-Heft dabei?"
V.: "Ja! - Eigentlich hätte ich noch eine Reli-Hausaufgabe machen müssen."
Ich: "Warum hast du sie nicht gemacht?"
V.: "Ich kann nicht."
Ich: "Warum nicht? So schwer kann das doch nicht sein."
V.: "Wir müssen einen Vierzeiler schreiben, aber er braucht sich nicht zu reimen."
Ich: "Na also, kein Problem. Über welches Thema?"
V.: "Wofür ich Gott dankbar bin."
Oha, meine Nackenhaare sträuben sich. Gleich kommt wieder etwas, das mir in der nächstmöglichen unbeobachteten Minute die Tränen in die Augen treibt!
Ich: "Ja, gibt es denn nichts, wofür du Gott dankbar sein kannst? Vielleicht, dass die Sonne scheint und dass du Mama, Papa, Oma und Opa hast?"
V.: "Jaaaa schon - aber ich bin echt sauer auf den lieben Gott!!!"
Ich schlucke. Ich, die zwar nicht streng aber doch in einem selbstverständlichen katholischen Glauben erzogen wurde, habe ein abtrünniges Kind!
Zaghaft frage ich: "Warum?"
V.: "Ja, soll ich ihm dankbar sein für meine Mukoviszidose? Dafür, dass ich 4 mal am Tag inhalieren muss; dafür, dass ich Berge von Tabletten schlucken muss; dafür, dass ich ständig krank werde; dafür, dass ich 2 mal im Jahr i. v. machen muss, und dafür, dass ich nie gesund werde? Nein, dafür kann ich Gott nicht dankbar sein!"
Energisch wirft sie sich ihren viel zu schweren Ranzen auf die schmalen Schultern und geht zielstrebig zur Tür.
V.: "Und wenn mein Lehrer fragt, sag ich ihm das auch.
Tschüs Mama!"
Ich bekomme einen dicken Schmatz.
V.: "Ich hab dich lieb!"
Ich: "Ich liebe dich auch! Mach's gut!"
Und fort ist sie. Ich schließe nachdenklich die Tür und schmunzle:
"Tja, lieber Gott, ICH bin auch sauer auf dich - aber trotzdem, DANKE für dieses wunderbare Kind!"
R.V.
(November 1998)


