Ich wollte den anderen beweisen, dass ich noch da bin
Erst seit drei Jahren kann Peggy Krebs ein neues, freieres Leben genießen. Eine Lungentransplantation half ihr, dem Schicksal der meisten Mukoviszidose-Patienten zu entgehen: dem frühzeitigen Tod durch Herz- und Lungenversagen. Doch sie mußte hart darum kämpfen, dass sie heute fast wie andere junge Leute leben kann.
Von Geburt an litt die 31-jährige an der immer noch unheilbaren Erbkrankheit. Zunächst ging es ihr recht gut - abgesehen von einigen schweren Lungenentzündungen. Allerdings konnte sie nie all das tun, was ihre Freunde machten. Stattdessen mußte sie täglich inhalieren, Krankengymnastik machen und zu allen Mahlzeiten Tabletten schlucken. Dazu kam vor acht Jahren, dass sie nachts zusätzlichen Sauerstoff benötigte. Doch konnte sie ihre Ausbildung abschließen und als Apothekenfacharbeiterin arbeiten.
Im Herbst 1993 bekam sie eine starke Lungenentzündung. Als ihr der Arzt daraufhin eine Transplantation vorschlug, war sie zunächst entsetzt: "Es kann doch nicht wahr sein, dass mein Körper schon am Ende ist!" Dann lieh sie sich ein Video aus und traf sich mit bereits Transplantierten. "Die erzählten mir, wie toll das ist, ohne die täglichen Therapien zu leben. Das machte mir Mut." Mit einem schleichenden Erstickungstod wollte sie sich nicht abfinden.
Erst im November 1995 wurde sie auf die Warteliste für ein Spenderorgan aufgenommen. Doch die Monate vergingen, ohne dass etwas passierte. Inzwischen brauchte sie den Sauerstoff auch tagsüber und galt als Pflegefall. Als ihr ein Jahr später auf einer Autofahrt der mitgenommene Sauerstoff ausging, übersteht sie die Reise nur knapp. Sie erholte sich nicht mehr und wurde in die Klinik eingewiesen. Dort mahnte man sie, bloß im Bett zu bleiben und sich nicht zu bewegen, "sonst sterben Sie!"
"Zwei Wochen später war ich körperlich und nervlich total am Ende." Ihre Muskeln hatten sich zurückgebildet, sie war schwach und befürchtete, dass ihr Körper eines Tages vielleicht für eine Transplantation nicht mehr kräftig genug wäre. "Da habe ich es dann durchgesetzt, dass ich aufstehen und sogar auf dem Laufband trainieren konnte."
Inzwischen brauchte sie den ganzen Tag, um ihre Lunge frei zu bekommen. Nur so konnte sie einigermaßen Luft holen: Viermal täglich stand eine halbe Stunde Inhalation auf dem Programm, um den Schleim zu lösen. Die eigentliche Lungenreinigung dauerte über drei Stunden. Eine Stunde lang wurde sie beatmet. Neun Stunden lang träufelten Infusionen die notwendigen Medikamente in ihren Arm. "Mir blieb immer weniger vom eigentlichen Leben. Ich dachte oft, was bringt das denn noch?" Auch ihre Ärzte haben nicht mehr viel Hoffnung.
Doch die junge Frau ließ sich nicht unterkriegen: "Die Transplantation war meine einzige Hoffnung auf ein anderes Leben." Sie wollte einmal im Leben den anderen beweisen, zu was sie fähig ist. Bisher hatte die Erkrankung mit ihren Einschränkungen sie immer daran gehindert. Jetzt verzichtete sie sogar standhaft darauf, im Sitzen zu schlafen, um sich das Atmen zu erleichtern. "Ich habe auf der Seite gelegen, nur ganz leicht erhöht. Ich wollte bis zuletzt Haltung bewahren und wie ein normaler Mensch schlafen."
Doch wenn sie dann eingeschlafen war, hörte sie auf zu atmen. "Glücklicherweise konnte meine Mutter bei mir sein, sogar in meinem Krankenzimmer wohnen. Sie wachte immer sofort auf und half mir, die Luft heraus zu bringen." Durch die Mukoviszidose war das Lungengewebe inzwischen so vernarbt und der Brustkorb versteift, dass sie nicht mehr selbständig ausatmen kann. Nicht mehr das Luftholen ist das Problem, sondern - ähnlich wie beim Asthmatiker - das Ausatmen.
Peggy Krebs hatte Glück. Am 25. Oktober 1996 kam ein passendes Spenderorgan. Die Operation glückte. Und schon elf Monate nach der Operation wagte sie etwas, was sie nie zuvor konnte: Sie fuhr zum Bergwandern in die Alpen. "Das war wie ein Traum, da oben auf dem Gipfel zu stehen, als ob das Leben ganz neu anfinge."
(20. Januar 1999)


