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Bericht von der europäischen CF-Konferenz 2019 - 3

Mit einer Rekord-Teilnehmerzahl von 2.595 war die diesjährige Konferenz der europäischen Mukoviszidose (Cystische Fibrose, CF) Gesellschaft (ECFS) in Liverpool sehr gut besucht. Aus Deutschland waren 130 Teilnehmer gekommen. Wir haben die wichtigsten News aus Liverpool hier zusammengefasst.

Ivacaftor: Wundermittel für den ganzen Körper?

Ivacaftor wurde 2012 als erster CFTR-Modulator für die Therapie von CF-Patienten zugelassen. Die Zulassungsstudien hatten vor allem eine Verbesserung der Lungenfunktion, eine Gewichtszunahme und eine Reduktion des Chlorids im Schweiß gezeigt. Seitdem wird die Behandlung mit Ivacaftor genau beobachtet, um die Auswirkungen des Medikamentes auf andere Organsysteme zu erkennen. Erste Ergebnisse zum Einsatz von Ivacaftor bei Babys zwischen sechs und zwölf Monaten zeigen eine teilweise Wiederherstellung des Funktionsverlustes der Bauchspeicheldrüse (Pankreasinsuffizienz). Bei älteren Patienten führte die Langzeittherapie mit Ivacaftor dagegen bereits in bis zu einem Drittel der Fälle zu Überwicht – eine Entwicklung, die möglicherweise mit neuen Problemen einhergehen wird.  

Magendarm-Trakt erholt sich

Neben der Verbesserung der Lungenfunktion ist von der Behandlung mit Ivacaftor bei CF-Patienten mit Gating-Mutationen auch bekannt, dass die Betroffenen an Körpergewicht zunehmen. Man geht davon aus, dass die Gewichtszunahme nicht allein dadurch passiert, dass die Patienten mehr Appetit haben, weil sie sich aufgrund der verbesserten Lungenfunktion insgesamt wohler fühlen. Vielmehr wird vermutet, dass verschiedene, durch Ivacaftor beeinflusste Mechanismen die Nahrungsaufnahme des Körpers verändern.

Untersuchungen an 23 CF-Patienten haben gezeigt, dass sich unter der Behandlung mit Ivacaftor nicht nur der Fettanteil des Körpers, sondern auch z.B. die Muskelmasse erhöhte. Dieser Effekt zeigte sich besonders bei Patienten mit eingeschränkter Funktion der Bauchspeicheldrüse (exokrine Pankreas-Insuffizienz). In Einzelfällen wurde sogar davon berichtet, dass sich nach mehrjähriger Ivacaftor-Therapie die Pankreasfunktion vollständig erholte. Bei Pankreas-suffizienten Patienten, die viel öfter als Pankreas-insuffiziente Patienten an einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse (Pankreatitis) leiden, trat diese unter Ivacaftor deutlich seltener auf. In einem Tiermodell an Frettchen wurde jüngst gezeigt, dass eine frühe Therapie mit Ivacaftor im Mutterleib (in utero) die Pankreasfunktion und das Wachstum und Überleben des Fötus verbesserte und die Schleimmenge in der Lunge reduzierte. Wurde die Therapie kurz nach der Geburt abgesetzt, verschlechterte sich der Krankheitsverlauf sofort. Ergebnisse der einarmigen Phase 3 ARRIVAL-Studie zeigten bei Babys zwischen sechs und zwölf Monaten eine Verbesserung der Pankreaselastase in den Normalbereich: fünf von neun Patienten hatten demnach vor Beginn der Ivacaftor-Therapie eine Pankreasinsuffizienz, die sich nach 24 Wochen Behandlung zurückgebildet hatte. Eine Frühtherapie mit Ivacaftor hat also anscheinend das Potential, die Pankreasfunktion deutlich zu verbessern.

Der pH-Wert im Darm scheint sich unter Ivacaftor zu erhöhen, und es treten weniger Entzündungen der Darmschleimhaut auf. Dabei könnte auch eine veränderte Zusammensetzung des Mikrobioms eine Rolle spielen, die sich wiederum auch auf die Gesundheit der Darmzellen auswirkt. Durch Ivacaftor scheint sich auch das Gleichgewicht der Gallensäuren-Zusammensetzung teilweise wiederherzustellen.
Zu bemerken ist aber auch, dass 23-38% der CF-Patienten während der Ivacaftor-Therapie übergewichtig wurden. Welchen langfristigen Effekt dies auf den Krankheitsverlauf hat, ist noch unklar. Vermutet werden muss, dass die in der allgemeinen Bevölkerung bekannten Folgeerkrankungen des Übergewichts, wie beispielweise Herz-Kreislauferkrankungen, auch bei CF-Patienten zum Problem werden können.

Diabetes könnte positiv beeinflusst werden

Der Einfluss von Ivacaftor auf die Bauchspeicheldrüse (Pankreas) hat auch für den Zucker(Glukose-)-Stoffwechsel und damit für eine Diabetes-Erkrankung eine Bedeutung. An Patienten mit CFRD (CF-related diabetes) wurde beobachtet, dass sich der Glukose-Stoffwechsel unter der Behandlung mit Ivacaftor bei manchen deutlich verbesserte, bei anderen hingegen veränderte sich nichts. Offen ist bisher noch, ob eine Verbesserung so weit gehen könnte, dass sich der Diabetes vollständig zurückbildet. Man vermutet allerdings, dass bei einer frühen Therapie mit Ivacaftor die Entwicklung eines Diabetes zumindest verlangsamt, wenn nicht sogar ganz verhindert werden kann. Die Daten der Behandlung von Patienten mit F508del-Mutation und der Behandlung mit Lumacaftor/Ivacaftor zeigen leider keinen positiven Effekt in Bezug auf Diabetes.

Körperliche Leistungsfähigkeit steigt

Bei CF-Patienten mit Ivacaftor-Therapie wurde beobachtet, dass die körperliche Leistungsfähigkeit und Muskelkraft ansteigt. Der Zusammenhang von Leistungsfähigkeit und Muskelkraft mit einer verbesserten Lungenfunktion und Ernährungssituation liegt nahe. Die Leistungsfähigkeit scheint aber nicht allein aufgrund der Verbesserung der Belüftungsparameter der Lunge (VO2max, VE) zu steigen, wie in Untersuchungen deutlich wurde. Diese Parameter verbesserten sich unter der Behandlung mit Ivacaftor nicht, während die körperliche Leistungsfähigkeit und die Lungenfunktion (FEV1) anstiegen.
Bei 20-40% der CF-Patienten liegt eine neuromuskuläre Schwäche vor und die muskuläre Sauerstoff-Kapazität ist oft reduziert. Das Zusammenspiel von Belüftung der Lunge und der damit verbundenen Sauerstoffaufnahme, der Zirkulation des Blutes im Körper und der Muskeldurchblutung hat Einfluss auf den Stoffwechsel der Muskulatur. Dieser gilt auch als Prädiktor für die Lebenserwartung, da er auf die Herzfunktion hinweist. Unter der Therapie mit Ivacaftor wurde eine gesteigerte Muskelkraft berichtet, unklar ist bisher aber noch, ob die Therapie mit Ivacaftor die Herzleistung direkt verändert.
Unbestritten ist, dass sich die Lebensqualität der Patienten unter einer Ivacaftor-Therapie verbessert. Dieses Empfinden beeinflusst sicherlich auch die körperliche Leistungsbereitschaft, den Appetit auf eine ausgewogene Ernährung und möglicherweise auch die Herzfunktion.

Profitiert auch das Nervensystem?

Auch in Zellen des Nervensystems gibt es, wie in fast allen anderen Körperzellen, den CFTR-Kanal. Da das Nervensystem auch die von CF betroffenen Organe versorgt, ist denkbar, dass es auf die Organe einen Einfluss hat. Es gibt Hinweise darauf, dass beispielsweise der Hustenreflex verändert sein könnte, die Schleimproduktion oder die Glukose-Regulation. Bei CF-Patienten wurde beobachtet, dass die kognitive Funktion reduziert sein kann, bei 23% der Patienten liegt beispielsweise ein Aufmerksamkeitsdefizit vor. Neben der direkten Wirkung des CFTR-Kanals auf das Gehirn können hierfür aber auch eine verminderte Sauerstoff-Versorgung aufgrund der eingeschränkten Lungenfunktion oder Nebenwirkungen von Medikamenten verantwortlich sein. Erste Erkenntnisse lassen vermuten, dass Ivacaftor die kognitiven Fähigkeiten bei Patienten mit G551D-Mutation verbessert. Es könnte einen direkten Einfluss auf die Neurotransmitter im Gehirn haben, der derzeit noch erforscht wird. Möglicherweise hat Ivacaftor eine stimulierende Wirkung auf das Gehirn mit positiven Folgen für Patienten mit Angst und Depression, aber diese Effekte sind bisher nur in Tierversuchen gezeigt worden.

Bei Fragen wenden Sie sich bitte an Dr. Uta Düesberg (UDueesberg(at)muko.info)

In diesem Beitrag werden Wirkungen bzw. Nebenwirkungen von Arzneimitteln besprochen. Handelsnamen werden genannt, wenn eine eindeutige Identifizierung erforderlich ist, um ein Arzneimittel mit einer spezifischen Darreichungsform zu bezeichnen. Diese Informationen werden durch das Mukoviszidose-Institut ohne den Einfluss Dritter nach bestem Wissen und Gewissen bereitgestellt. In keinem Fall ist damit eine Empfehlung für den Gebrauch oder Nichtgebrauch eines Arzneimittels verbunden. Patienten sollten vielmehr mit ihrem/ihrer Arzt/Ärztin die für sie individuell richtige Therapie besprechen.