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Einfluss von Kontrazeptiva auf Mukoviszidose

Dass die hormonelle Situation einen Einfluss auf die Entwicklung chronischer Krankheiten haben kann, ist schon seit langem bekannt. Nicht nur bei Mukoviszidose (CF, cystische Fibrose) wird beobachtet, dass es im Krankheitsverlauf einen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Patienten gibt, der im Fall der Mukoviszidose einen deutlichen Nachteil für die weiblichen Patienten zeigt. 
Die bisherige Forschung zeigt teilweise widersprüchliche Ergebnisse zum Einfluss von Sexualhormonen auf den Verlauf der Mukoviszidose. Die meisten Ergebnisse weisen darauf hin, dass ein hoher Östrogenspiegel einen nachteiligen Effekt auf den Verlauf der Erkrankung hat. In Zellkulturen (in vitro) konnte man allerdings auch zeigen, dass Östrogen die Aktivität des CFTR-Kanals steigert aber ebenfalls, dass der Kanal durch Östrogen gehemmt wird. Bei hohen Östrogenspiegeln im Blut scheint zudem das Risiko für pulmonale Exazerbationen (Verschlechterung der Lungenfunktion aufgrund von Infektionen) anzusteigen, wie Tierversuche zeigen. Eine kleine Studie an Patientinnen machte außerdem deutlich, dass während des Menstrualzyklus die Funktion der Lunge (gemessen an der FEV1) in Abhängigkeit vom Östrogen- und Progesteronspiegel schwankt. Bei Mukoviszidose beruht die Funktion der Lunge allerdings nicht allein auf der Funktion des CFTR-Kanals, denn auch bakterielle Infektionen stellen eine große und immer wiederkehrende Belastung für die Lunge dar. Auch unabhängig von der Mukoviszidose ließ sich beobachten, dass die Sexualhormone das Immunsystem beeinflussen und Abwehrreaktionen gegenüber Bakterien abschwächen können.
Im Mai diesen Jahres wurden zwei weitere Publikationen zum Einfluss von Kontrazeptiva auf den Verlauf der Mukoviszidose veröffentlicht. Die erste Untersuchung beschäftigt sich mit dem Einfluss der Einnahme von Kontrazeptiva (der „Pille“) auf die Lungenfunktion (forciertes expiratorisches Volumen in 1 Sekunde, FEV1), dem Körpergewicht (Body Mass Index, BMI) und der Notwendigkeit einer intravenösen Antibiotikatherapie. Die Studie analysierte die Daten von jeweils 56 CF-Patientinnen, die Kontrazeptiva einnahmen oder nicht (retrospektive Analyse über 5 Jahre). Es zeigte sich hinsichtlich der FEV1, des BMI und der Dauer der intravenösen Antibiotikatherapie kein signifikanter Unterschied zwischen den beiden Patientengruppen. Auch wenn bei einzelnen Patientinnen Phasen der Kontrazeptiva-Einnahme mit Phasen ohne Kontrazeptiva-Einnahme verglichen wurden, zeigte sich kein signifikanter Unterschied in den genannten Parametern.
Der Einfluss von Östrogenen und Kontrazeptiva auf die Besiedlung mit Pseudomonas wurde von einer irischen Arbeitsgruppe genauer untersucht. Irland hat weltweit die höchste Zahl an CF-Patienten im Verhältnis zu seiner Bevölkerungszahl und der Überlebensnachteil von weiblichen Patientinnen ist auch hier deutlich. Die irische Studie befasste sich mit der Wirkung von Estradiol (das wichtigste Östrogen) auf die Entwicklung einer Infektion mit Pseudomonas und auf pulmonale Exazerbationen. Über 24 Monate wurden 44 CF-Patientinnen beobachtet, die 139 infektiöse Exazerbationen der Lunge erlitten. Dabei fiel zunächst auf, dass Patientinnen mit vielen Exazerbationen einen deutlich höheren Estradiolspiegel im Blut aufwiesen und dass sich bei Patientinnen, die Kontrazeptiva einnahmen (und damit einen Anstieg des Östrogenspiegels zum Zeitpunkt des Eisprungs verhinderten) signifikant weniger Exazerbationen ereigneten. Während die Patientinnen Kontrazeptiva einnahmen, erlitten sie weniger Exazerbationen als in der Zeit, in der sie keine Kontrazeptiva einnahmen. Außerdem wurde in einer retrospektiven Analyse der Iren im Gegensatz zu der zuvor genannten Publikation ein deutlicher Trend zu einem geringeren Antibiotikabedarf bei Patientinnen, die Kontrazeptiva einnahmen, gefunden.
Bei 37,2% der irischen CF-Patienten (durchschnittliches Alter 20,8±9,0 Jahre) tritt eine chronische Pseudomonas-Besiedlung auf. Bei weiblichen CF-Patienten liegt diese Rate 11,9% höher und die Besiedlung erfolgt durchschnittlich 2,3 Jahre früher. Außerdem wandelt sich Pseudomonas bei signifikant mehr weiblichen Patienten in die mukoide (schleimige) Form um und dies durchschnittlich 1,8 Jahre früher als bei männlichen CF-Patienten. Ein deutlicher Anstieg mukoider Formen ist bei weiblichen Patienten nach der Pubertät zu verzeichnen und bei hohen Estradiolspiegeln treten mehr mukoide Pseudomonas-Formen auf. Die mukoide Form ist eine Sonderform des Pseudomonas, durch die die Bakterien besser gegen die Immunabwehr geschützt sind. Mukoide Formen lassen sich meist sehr schwer eradizieren und Exazerbationen sind häufiger mit mukoiden Pseudomonas-Formen assoziiert.
Aus den vorliegenden Ergebnissen lässt sich nach wie vor keine allgemein gültige Konsequenz über die Einnahme von Kontrazeptiva für CF-Patientinnen ziehen. Um Klarheit über die Wirkung von Kontrazeptiva auf den Verlauf der Mukoviszidose zu bekommen, müsste eine größere klinische Studie mit mehr Patientinnen und unter Berücksichtigung der Zusammensetzung der eingenommenen Kontrazeptiva (Anteil Östrogen, Gestagen etc.) durchgeführt werden. Ob und wann eine solche Studie durchgeführt wird, ist leider derzeit noch nicht bekannt.

Literatur zum Thema:

Effect of estrogen on pseudomonas mucoidy and exacerbations in cystic fibrosis. Chotirmall SH, Smith SG, Gunaratnam C, Cosgrove S, Dimitrov BD, O'Neill SJ, Harvey BJ, Greene CM, McElvaney NG. N Engl J Med. 2012 May 24;366(21):1978-86.

Oral contraceptives do not appear to affect cystic fibrosis disease severity. Kernan NG, Alton EW, Cullinan P, Griesenbach U, Bilton D. Eur Respir J. 2012 May 3.

The role of female hormones on lung function in chronic lung diseases. Tam A, Morrish D, Wadsworth S, Dorscheid D, Man SF, Sin DD. BMC Womens Health. 2011 Jun 3;11:24.

Estrogen aggravates inflammation in Pseudomonas aeruginosa pneumonia in cystic fibrosis mice. Wang Y, Cela E, Gagnon S, Sweezey NB. Respir Res. 2010 Nov 30;11:166.

Dr. Uta Düesberg (udueesberg(at)muko.info)