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Deutsche Mukoviszidose Tagung 2023: Latest News

Deutsche Mukoviszidose Tagung 2023: Blick in die Räumlichkeiten und die Posterausstellung

Foto: Britta Leonhardt-Kuschner

Das letzte Plenum auf der Deutschen Mukoviszidose Tagung 2023 war vier unterschiedlichen Themen gewidmet: Welche (neuen) Biomarker für die CFTR-Diagnostik gibt es und wo liegen die Vor- und Nachteile? Für welche Patientengruppen werden neue Therapien entwickelt und wann starten neue klinische Studien? Wohin entwickeln sich die Mukoviszidose-Register und wie werden die Daten verwendet? Wie steht es um die Pflege von Menschen mit Mukoviszidose und wo ist Verbesserung notwendig? Alle diese Fragestellungen wurden umfassend diskutiert und das Auditorium auf den aktuellen Wissensstand gebracht.
Deutsche Mukoviszidose Tagung 2023: Blick in die Räumlichkeiten und die Posterausstellung

Foto: Britta Leonhardt-Kuschner

Neues aus der Diagnostik

Simon Gräber machte den Anfang und referierte über das Thema CFTR-Funktionsdiagnostik. Er unterschied dabei zwischen den „in-vivo“-Methoden, die direkt am Patienten bzw. frisch entnommenen Zellen angewendet werden (Schweißtest; nPD: nasale Potentialdifferenz Messung; ICM: Intestinale Kurzstrommessung) und den neueren „ex-vivo“-Methoden. Letztere werden zwar auch, wie bei der ICM, an Patientenzellen durchgeführt, allerdings werden die Zellen zuvor im Labor kultiviert und „unsterblich“ gemacht – dadurch stehen die Zellen nach Bedarf auch noch später zur Testung von Substanzen zur Verfügung. Für diese „ex-vivo“ Methoden werden Zellen aus dem Darm oder der Nasenschleimhaut entnommen. Für Substanz-Testungen werden die Zellen dann so kultiviert, dass Gewebestrukturen ähnlich dem natürlichen Nasenepithel oder Darmschleimhaut (z. B. die intestinalen Organoide) entstehen. Beide „ex-vivo“ Methoden sind derzeit besonders gefragt, da sie „personalisierte“ Zellmodelle sind, an denen außerhalb des Körpers und dennoch patientenindividuell Substanzen getestet werden können (im Gegensatz zu Schweißtest, nPD und ICM, wo dem Menschen zuvor die Medikation verabreicht worden sein muss). Diese „ex-vivo“ Modelle sind daher gut um das Ansprechen auf Substanzen bei seltenen genetischen Varianten im CFTR-Gen zu untersuchen. 

Erfolgreiche Strukturförderung des Mukoviszidose e.V. zu nPD und ICM

Alle diese Methoden sind inzwischen gut validiert und die Durchführung ist auch auf europäischer Ebene harmonisiert (von der ECFS Diagnostic Working Group), allerdings werden die Methoden nur in wenigen spezialisierten CF-Zentren angeboten. Deutschland ist in Bezug auf nPD und ICM Messungen recht gut aufgestellt, da vor vielen Jahren über eine Strukturförderung die Etablierung dieser Methoden an verschiedenen Zentren durch den Mukoviszidose e.V. gefördert wurde (Zentren, die die Differenzialdiagnostik anbieten). 

Genetische Therapien sind in der klinischen Forschung angekommen – bald auch in Europa und möglicherweise Deutschland 

Silke Koningsbruggen-Rietschel berichtete, dass es verschiedene Fragestellungen für die verschiedenen Gruppen von Menschen mit Mukoviszidose gibt. Es gibt die Gruppe der Menschen, die keinen Modulator erhalten können, die Gruppe der Menschen, die den Modulator erst später, d. h. nach Einsetzen der CF-Symptomatik, erhalten haben und die Gruppe derjenigen, die den Modulator früh, d. h. vor dem Einsetzen der typischen CF-Symptomatik erhalten haben. Im Fokus steht derzeit die Gruppe ohne Modulator. Für diese Menschen kommen genetische Therapien in Frage. In den USA laufen schon erste klinische Studien, in Europa und vermutlich auch Deutschland sollen erste Studien 2024 beginnen, die entweder eine CFTR-Gen-Kopie stabil in Zellen einbringen sollen (Boehringer) oder über mRNA eine Abschrift des Gens in die Zellen schleusen sollen (Vertex). Beide Ansätze sind mutationsunabhängig, damit könnte die Anwendung für alle Menschen mit Mukoviszidose in Frage kommen. Zunächst stehen aber auf jeden Fall die Menschen im Fokus, die keine Modulatoren erhalten. Beide Therapien sollen inhalativ verabreicht werden, was für Mukoviszidose naheliegend erscheint, aber auch klar zeigt, dass die Lunge zunächst adressiert wird – eine Heilung im klassischen Sinne wäre das nicht. 

Ob eine Heilung möglich ist, ist noch unklar

Ob eine Heilung für immer bei Mukoviszidose jemals erreicht werden kann, ist nach heutigem Wissensstand schwer vorherzusagen, denn dafür müsste es gelingen, das CFTR-Gen in alle Körperzellen stabil einzubringen – oder zumindest in die Stammzellen, die als Vorläuferzellen neue Zellen ausbilden. Die Inhalation von CFTR-mRNA oder einer CFTR-Kopie – jeweils verpackt in spezielle Vektoren als Transport-Vehikel - ist erstmal ein Weg, einige Zellen in den Atemwegen zu erreichen. Ob hiermit ein klinisch relevanter Effekt zu erreichen sein wird, müssen die Studien nun zeigen. Ein Forschungsschwerpunkt ist jedenfalls auch die Entwicklung von Vektoren, um die Gentherapeutika zu den Organen und Zellen zu bringen, zahlreiche Firmen haben sich alleine auf Vektorsysteme spezialisiert. 

Bakteriophagen sind vielversprechend – passen aber noch nicht zu den Verfahren der Medikamentenzulassung 

Neben den genetischen Therapien gibt es weitere Ansätze, um die Symptome der Mukoviszidose besser bekämpfen zu können. Diese Therapieansätze sind vor allem für die Gruppe der Menschen mit Mukoviszidose interessant, die bereits unter Symptomen der Mukoviszidose leiden. Es geht voran bei der Entwicklung von Bakteriophagen-Therapien, allerdings sind auch hier nicht nur die Forscher gefragt, die Methode aus dem Labor in Richtung Anwendung zu bringen, sondern auch die Zulassungsbehörden sind hier gefragt, gemeinsam nach Lösungen zu suchen, wie eine Therapie mit Bakteriophagen, einem biologischen Material, welches patientenindividuell angefertigt werden muss, sicher und zeitnah realisiert werden kann. 

Mukoviszidose Register – Datenschätze, die immer besser genutzt werden

Andreas Jung zeigte Zahlen aus dem Europäischen Mukoviszidose-Register, ECFSPR. Inzwischen fließen Daten aus 40 Ländern in das Register ein, so dass zu 54.043 Menschen mit Mukoviszidose klinische Daten vorliegen. Die Datenqualität ist durch regelmäßige Audits kontinuierlich verbessert worden, was 2018 die Europäische Zulassungsbehörde (EMA) dem Register auch bestätigte, indem eine Empfehlung zur Nutzung des Registers für Pharmakovigilanz-Studien (Überprüfung von Sicherheit und Wirksamkeit nach Zulassung) ausgesprochen wurde. Der aktuelle Bericht zeigt neben ausführlichen Daten aus 2021 erstmalig auch longitudinale Auswertungen im Verlauf der Jahre 2008- 2021. Der Datensatz birgt viel Potential für Fragestellungen zur Versorgung von Menschen mit Mukoviszidose in Europa, Auswertungen sind auf Anfrage beim ECFSPR möglich und sollten unbedingt genutzt werden! 

Gute Pflege braucht auch Zeit zum gegenseitigen Kennenlernen – eine aktuelle Herausforderung 

Melanie Köller „nahm das Auditorium mit in die Routine der Pflege“. In ihrem Vortrag machte sie klar, dass es natürlich eine positive Entwicklung ist, dass durch die Modulatoren die ambulante und insbesondere die stationären Aufenthalte stark rückläufig sind. Für die Pflegetätigkeit bedeutet das, dass die Zeit, „sich gegenseitig kennenzulernen“ damit natürlich auch rückläufig ist. Hinzukommt, dass allgemein die Zeit für die Pflegtätigkeit in Krankenhäusern immer knapper wird, so dass es für die Pflegerinnen und Pfleger immer schwieriger wird, ihren Beruf so auszuüben, wie sie es sich - und sicherlich auch die Patienten - eigentlich wünschen.


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