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20. Scientific Meeting (ScieM)

Jedes Jahr im September veranstaltet das Mukoviszidose Institut in Zusammenarbeit mit der Forschungsgemeinschaft Mukoviszidose (FGM) das Scientific Meeting (ScieM). Eingeladen sind alle Wissenschaftler und Kliniker, die zum Thema Mukoviszidose / Cystische Fibrose (CF) arbeiten. Das 20. Scientific Meeting fand am 9. und 10. September 2021 im Schloss Montabaur statt. An der hybriden Veranstaltung nahmen 65 Wissenschaftler und Ärzte aus 21 Ländern teil, um sich über aktuelle Forschungsausrichtungen und neue Wege in der Mukoviszidose-Behandlung auszutauschen. Der Themenschwerpunkt in diesem Jahr war „CF Registry: Ready for science!? - Value of registry data to improve CF care".
Die Tagungsleiter des ScieM 2021: PD Dr. Lutz Nährlich und PD Dr. Carsten Schwarz (v.l.). Foto: Mukoviszidose e.V.

Die Tagungsleiter des ScieM 2021: PD Dr. Lutz Nährlich und PD Dr. Carsten Schwarz (v.l.). Foto: Mukoviszidose e.V.

Unter der Leitung von PD Dr. Lutz Nährlich (Giessen) und PD Dr. Carsten Schwarz (Potsdam/Brandenburg) diskutierten internationale Teilnehmer aus den Bereichen Wissenschaft, Medizin, Statistik, regulatorischen Behörden und Patientenorganisationen über zwei Tage den aktuellen Stand und die Zukunft von Registern sowie die Potentiale der erfassten Daten für unterschiedliche Auswertungsszenarien. Der erste Tag der Veranstaltung legte einen Schwerpunkt auf den gemeinsamen Erfahrungsaustausch und die gewonnenen Erkenntnisse etablierter Register anderer Fachrichtungen sowie auf die Frage, welche Datenqualitätsaktivitäten notwendig sind, um Forschung anhand von Registerdaten zu ermöglichen, und welche zukünftige Beteiligung von Patienten an modernen Registerkonzepten denkbar sind. Der zweite Tag verschob den Fokus auf die Chancen und Herausforderungen von registerbasierten Studien, wie Pharmakovigilanz (Überwachung der Sicherheit von Arzneimitteln) und HTA (Health Technology Assessment, systematische Bewertung medizinischer Verfahren) sowie statistische Analyseverfahren. 

Nicht Äpfel mit Birnen vergleichen

Der Betrieb von Registern ist mit großen Herausforderungen und Unwägbarkeiten verbunden, die aber – vor allem auch im Bereich der Seltenen Erkrankungen – Chancen für ein besseres Verständnis einer Erkrankung sowie die Erforschung und Beurteilung neuartiger Therapieansätze bieten. So hat sich der Nutzen von Registern in den vergangenen Jahren stetig weiterentwickelt. Registerdaten können für Forschung, Patienten-Empowerment, klinische Studien, Arzneimittelsicherheitsprüfungen (Pharmakovigilanz) und im Bereich der öffentlichen Gesundheitsplanung genutzt werden. Entscheidend für erfolgreiche Register sind – da waren sich die Referenten einig – repräsentative, vollständige und qualitätsgesicherte Daten, die auf Basis von - bestmöglich international - definierten Einschlusskriterien erhoben werden. Dies stellte auch Dr. Friedericke Erdmann (Leiterin Deutsches Kinderkrebsregister) als eine von vielen wichtigen Erkenntnissen rund um den Betrieb von erfolgreichen Registern in ihrer Zusammenfassung fest. Nur wenn die genau gleichen Daten verglichen werden, kann man wirklich eine Aussage treffen. Ansonsten vergleicht man Äpfel mit Birnen. Im Deutschen Mukoviszidose-Register werden 85% der lebenden Mukoviszidose-Betroffenen mit einem jährlichen Datensatz erfasst. Ein großer Erfolg, der sich auch im Patientenregister der European Cystic Fibrosis Society (ECFS) widerspiegelt. Laut Hr. PD Dr. Nährlich beteiligen sich bereits 49.886 Patienten aus 38 Ländern an diesem europäischen Vorhaben. Damit ist es, nach dem amerikanischen Patientenregister, die zweitgrößte Datensammlung weltweit, die Daten von Mukoviszidose-Betroffenen beinhaltet und für Forschungsfragen genutzt werden kann. Die Harmonisierung der bestehenden Datensätze und der Dateneingabe über die Ländergrenzen hinweg, ist eine der größten Herausforderungen internationaler Registerprojekte. Am ECFS-Register beteiligt sich das Deutsche Mukoviszidose-Register im Jahr 2020 mit über 6.600 Patienten. 

Das schwedische Qualitätsregister für Rheumatologie als Beispiel für ein staatliches Qualitätsregister

Einen spannenden Einblick in das schwedische Qualitätsregister für Rheumatologie (SRQ) konnte Staffan Lindblad aus Stockholm den Teilnehmern gewähren. Das SRQ ist eine nationale Datenbank mit individuellen Daten über Patienten mit rheumatologischen Erkrankungen. In dem Register werden die medizinischen Daten und die Ergebnisse und Auswirkungen der angewandten Therapien dokumentiert. Die Daten werden von Ärzten und Patienten gleichermaßen dokumentiert und anschließend visuell aufbereitet, um den Patienten Entscheidungshilfen im Bereich der Therapie anbieten zu können. Hierbei werden sowohl persönliche Therapiepräferenzen der Patienten als auch mit dem Arzt abgestimmte Therapieänderungen in Abhängigkeit von den aktuellen Gesundheitsergebnissen berücksichtigt. Die schwedische Regierung verfolgt bereits seit 2009 die Strategie, durch Register die Qualität der Versorgung vergleichbar zu machen. Ziel der Qualitätsregister ist es, eine Transparenz der Ergebnisse zu schaffen und damit die Möglichkeit zu vergleichen und zu lernen. Anders als in Deutschland erhalten die Ärzte für die Beteiligung an einem solchen Register eine leistungsbasierte Vergütung. Das Beispiel zeigt, wie interaktiv und individuell Registerdaten für die zukünftige Versorgung von Patienten genutzt werden können. Eine inspirierende Idee, die auch im Bereich der Mukoviszidose perspektivisch denkbar wäre.

Patientenbeteiligung in Registern

Dr. Siobhán Carr (Großbritannien/London) stellte in ihrem Vortrag den Patienten und durch Patienten dokumentierte Registerdaten, sogenannte Patient Reported Outcomes (PRO) in den Mittelpunkt des Interesses. Herausfordernd ist es laut Carr, die Patienten initial und über einen längeren Zeitraum zu motivieren ihre Daten selbstständig in ein Register zu dokumentieren. Elise Lammertyne (Belgien/Brüssel) von der europäischen Patientenorganisation CF-Europe berichtete, wie heterogen die Datenerfassung von PROs in den einzelnen europäischen Ländern und Mitgliedorganisationen derzeitig organisiert ist. CF-Europe setzt sich dafür ein, dass für Patientenorganisationen Best-Practice-Beispiele für die Erhebung von PROs zusammengestellt werden sollen. Der Mukoviszidose e.V. stellt sich ebenfalls dieser Herausforderung und arbeitet aktuell an einem Pilotprojekt, in dem zunächst erwachsene Patienten Einsicht in ihre Registerdaten bekommen sollen und eigenständig einen kleinen Fragebogen zur Lebensqualität in das Register dokumentieren können. Das Projekt startet 2022.

Rolle von Registern für die Arzneimittelsicherheit

Register können als Grundlage für Registerstudien genutzt werden, wie von André Schultz (Australien/Nedlands) für BEAT-CF und Kevin Southern (Großbritannien/Liverpool) für CF-Start eindrucksvoll gezeigt wurde. Mit der Zulassung neuer Medikamente aus dem Bereich der CFTR-Modulatoren, hat sich in den vergangenen Jahren ein weiterer Verwendungszweck von Registerdaten im Bereich der Registerstudien etabliert. Die europäische Arzneimittelbehörde (EMA) fordert nach der Zulassung neuer Medikamente die Nachbeobachtung in einer repräsentativen Patientenpopulation, um das Auftreten von Nebenwirkungen über einen längeren Zeitraum (in der Regel fünf Jahre) zu erfassen. In der Vergangenheit wurden diese Post authorisation safety studies (PASS), also Arzneimittelsicherheitsstudien nach der erfolgreichen Zulassung, als sogenannte Phase-4-Studien oder auf Basis von Medikamentenregistern der Arzneimittelhersteller durchgeführt. Im Bereich der Mukoviszidose stellen Patientenregister nach einer aktuellen Stellungnahme der EMA eine Alternative dar. Dies hat den entscheidenden Vorteil, dass die Daten unabhängig „gesammelt“ und ausgewertet werden und auch nach Ablauf einer Studie noch verfügbar sind. Auf Basis des Mukoviszidose-Registers werden derzeitig drei PASS in Deutschland durchgeführt.

Eine weitere Einsatzmöglichkeit von Registerdaten könnte die frühe Nutzenbewertung von Medikamenten seien. Nach der erfolgten Zulassung durch die zuständigen Behörden, können neue Arzneimittel in Deutschland sofort verordnet werden. Zu diesem Zeitpunkt werden europaweit Gesundheitstechnologiebewertung (HTA) durchgeführt. Bei der HTA wird untersucht, ob ein neues Medikament im Vergleich zur Standardversorgung einen zusätzlichen Nutzen für die Patienten hat. Die Ergebnisse der Bewertung werden benötigt, um Behandlungsentscheidungen zu unterstützen und die Preisgestaltung und Kostenerstattung zu regeln. Zum Zeitpunkt der Markteinführung liegen allerding gerade im Bereich der Seltenen Erkrankungen oftmals nur begrenzte Erkenntnisse vor. In ihrem Vortrag stellte Dr. Beate Wieseler (IQWIG, Köln) in Aussicht, dass Patientenregister zukünftig eine Option für die Erhebung der im Rahmen der HTA benötigten Daten werden könnten, um die Beweislücken zu schließen.

Forschung mit Hilfe von Registerdaten

Ruth Keogh (Großbritannien/London) und Daniela Schlüter (Großbritannien /Liverpool) zeigten anhand von Auswertungen zur Überlebenswahrscheinlichkeit und longitudinalen Analysen der Daten aus dem UK-Register, welche Ressourcen für die Forschung, aber auch für Patienten und Angehörigen mit Mukoviszidose, bereits in Registern dokumentiert wurden. Die Besonderheit von Registerdaten liegt darin begründet, dass sie große Teile ganzer Population von Menschen mit Mukoviszidose erfassen und Veränderungen der Bevölkerungsmerkmale im Laufe der Zeit, im Krankheitsverlauf und in Abhängigkeit von Alter und Therapieregime sichtbar werden lassen. Registerdaten helfen den Krankheitsverlauf von Menschen mit Mukoviszidose besser einordnen zu können, was zu Verbesserungen in der CF-Versorgung führen kann.

Vorbild USA

In der diesjährigen Keynote „Evolution of CF Foundation Patient Registry“ stellte Bruce Marshall, Senior Vice President of Clinical Affairs, der amerikanischen Cystic Fibrosis Foundation, zukünftige Perspektiven und Herausforderung für die Verbesserung der Versorgung und Teilhabe von Menschen mit Mukoviszidose mit Hilfe von Registerdaten dar. In seinem Vortrag stellte Marshall u.a. Zukunftspotentiale etablierter Register vor. Registerdaten können die Grundlage für Patientempowerment und den Einfluss soziökonomischer Faktoren auf die Versorgung bilden, für ein standardisiertes und patientenindividuelles Versorgungsmanagement sowie für die Generierung von Forschungshypothesen und als Basis für Versorgungs- und Arzneimittelforschung genutzt werden. Der Mukoviszidose e.V. betreibt seit 1995 das Deutsche Mukoviszidose-Register mit dem Ziel die Versorgungssituation von Patienten mit Mukoviszidose in Deutschland zu erfassen, zu analysieren und zu verbessern und stellt eine Grundlage für Versorgungsforschung, Therapieentwicklung zur Verfügung. In der Veranstaltung wurde deutlich, dass viele der von Marshall skizzierten Zukunftsthemen bereits durch das Deutsche Mukoviszidose-Register abgedeckt werden oder sich bereits in Entwicklung befinden.

Fazit: Wertvoller Erfahrungsaustausch über ein hochaktuelles Thema

PD Dr. med. Lutz Nährlich aus Gießen, der medizinische Leiter des Deutschen Mukoviszidose Registers, einer der diesjährigen Tagungsleiter, zeigte sich hochzufrieden mit dem Verlauf der Tagung: „Das Scientific Meeting 2021 hat entscheidend zum Verständnis beigetragen, welche Chancen Register für Forschung und Versorgung und für das Patientenmanagement, aber auch für die Arzneimittelsicherheit haben. Das hybride Format ermöglichte vor allem auch eine internationale Beteiligung ausgewiesener Experten.“


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