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Covid-19 und CF: mehr Covid-19-Fälle in vergleichbaren Altersgruppen

Seit Anfang 2020 stand die Frage im Raum, ob die Pandemie für Patienten mit Mukoviszidose (Cystische Fibrose, CF) gefährlicher ist und ob CF-Patienten häufiger betroffen sind als die allgemeine Bevölkerung. Die Befürchtung war zunächst, dass die Infektion mit SARS-CoV-2 für CF-Betroffene schwerer verläuft und mehr Komplikationen verursacht. Diese Befürchtung hat sich zum Glück bisher nicht bestätigt, wobei neue Auswertungen zeigen, dass CF-Patienten häufiger betroffen sein könnten.
SARS-CoV-2. Quelle: Pete Linforth auf Pixabay

SARS-CoV-2. Quelle: Pete Linforth auf Pixabay

Internationale Register-Daten zeigen eine geringere Infektionszahl bei CF-Betroffenen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung, wie ein große Analyse aller Covid-19-Publikationen jetzt nochmals bestätigte [1]. Die Daten zeigen aber auch, dass die Hospitalisierungsrate bei Corona-positiven CF-Betroffenen deutlich höher ist. Allerdings verläuft die Covid-19-Erkrankung bei diesen nicht schwerer als in der Allgemeinbevölkerung. Das bestätigen auch die Daten aus dem Deutschen Mukoviszidose-Register mit 89% leichten Verläufen der Covid-19-Erkrankung bei CF-Patienten. Experten vermuten, dass die höhere Hospitalisierungsrate auch auf Vorsichtsmaßnahmen zurückzuführen sein könnte, so dass CF-Patienten mit Covid-19 schneller stationär aufgenommen werden. Erwartungsgemäß sind CF-Patienten nach einer Lungentransplantation jedoch häufiger von schweren Covid-19-Verläufen betroffen und versterben eher.  

Nach Altersabgleich zeigen sich andere Zahlen 

Eine aktuelle Publikation der Daten aus dem europäischen CF-Register der European Cystic Fibrosis Society (ECFS) wirft jedoch ein anderes Licht auf die Häufigkeit der SARS-CoV-2-Infektionen bei CF-Betroffenen [2]. In das ECFS-Register berichten 38 europäische Länder, von denen 16 Länder bis Ende Juni 2020, also in der ersten Welle, von 130 Covid-19-Fälle berichteten. Die Gesamt-Inzidenz lag bis Ende Juni bei 2,7 und war damit nicht höher als in der Allgemeinbevölkerung (3,1). Wurden die Zahlen allerdings innerhalb der jeweiligen Altersklassen von <15 Jahre, 15-24 Jahre und 25-49 Jahre verglichen, zeigte sich eine statistisch signifikant höhere Covid-19-Inzidenz bei CF-Betroffenen. Aber auch wenn wie in den anderen internationalen Daten die Hospitalisierungsrate signifikant höher war, mussten nur wenig mehr CF-Betroffene auf Intensivstationen behandelt werden. Es erholten sich 96,2% der Covid-19-betroffenen CF-Patienten, nur fünf verstarben, von denen aber drei bereits lungentransplantiert waren. Insgesamt verstarben weniger CF-Patienten an Covid-19 als in der Allgemeinbevölkerung (case fatality rate 3,85% vs. 7,46%, 95% CI). 

Warum ist SARS-CoV-2 nicht gefährlicher für CF-Patienten? 

Seit Beginn der Pandemie wird darüber spekuliert, welche Faktoren dafür verantwortlich sein könnten, dass SARS-CoV-2 CF-Betroffene unerwartet weniger stark betrifft. Können sich CF-Betroffene besser vor Ansteckungen schützen, weil sie an Hygienemaßnahmen gewöhnt sind und sie konsequenter umsetzen? Wird durch die bei CF ständig alarmierte Immunabwehr in den Atemwegen eine Infektion mit SARS-CoV-2 besser abgeblockt? Kann die CF-Therapie vor Corona schützen? Oder gibt es sogar molekulare Gründe dafür, dass die Viren nicht so gut in die CF-Zelle eindringen können? Die Untersuchungen dazu sind noch nicht abgeschlossen.

Greift SARS-CoV-2 in die Signalwege der Zelle ein? 

In einer aktuellen Publikation vermuten die Autoren, dass SARS-CoV-2, wie für andere respiratorische Viren (Grippevirus, RSV) gezeigt, in die Signalwege der Zelle eingreifen und möglicherweise den CFTR-Kanal aktivieren und seinen Gegenspieler, den ENaC-Kanal inaktivieren. Durch den Ionenaustausch über CFTR und ENaC entsteht eine Balance im Salz-Wasser-Haushalt. Gemeinsam sorgen die Kanalproteine in der Lunge dafür, dass auf den Epithelzellen ein optimaler Flüssigkeitsfilm vorhanden ist, der die Selbstreinigung der Lunge über die Flimmerhärchen (Mukoziliäre Clearance) ermöglicht. Zu wenig Wasser macht den Schleim zähflüssig wie bei der typischen Mukoviszidose-Symptomatik, zu viel Wasser, macht den Schleim zu flüssig (z.B. laufende Nase bei viralen Infektionen). 

Bei einer Infektion mit Sars-CoV-2, können die Viren, wenn das Immunsystem diese nicht frühzeitig erfolgreich bekämpfen kann, nach und nach auch den Weg in die unteren Atemwege finden. Dort könnte, so wird vermutet, vor allem eine ENaC-Inhibition durch das Virus, dazu führen, dass sich eine Flüssigkeit in den Alveolen ansammelt (Ödeme) und den Sauerstoffaustausch beeinträchtigt. Eine mögliche Wirkung von Sars-CoV-2 auf die Regulation der Ionenkanäle CFTR und ENaC wird in den verschiedenen Publikationen [3 und 4] beschrieben. Es wäre sicherlich interessant, wie dieser mögliche Covid-19-Krankheitsmechanismus in Bezug auf Mukoviszidose diskutiert wird – wo aufgrund der Pathologie ja erstmal zu wenig CFTR- und zu viel ENaC-Aktivität vorhanden ist. 

Die Forschung zu SARS-CoV-2 und seinen Auswirkungen gehen stetig weiter und so auch die Erkenntnisse der Virusinfektion bei CF. Wir verfolgen die Entwicklung weiter! 

Zitierte Fachartikel

  1. Naehrlich L, et al. Incidence of SARS-CoV-2 in people with cystic fibrosis in Europe between February and June 2020. J Cyst Fibros. 2021 Apr 18:S1569-1993(21)00099-0. doi: 10.1016/j.jcf.2021.03.017.
  2. Mathew HR, et al. Systematic review: cystic fibrosis in the SARS-CoV-2/COVID-19 pandemic. BMC Pulm Med. 2021 May 20;21(1):173.
  3. M. Gentzsch and B. C. Rossier; A Pathophysiological Model for COVID-19: Critical Importance of Transepithelial Sodium Transport upon Airway Infection; Function, Volume 1, Issue 2, October 2020; doi.org/10.1093/function/zqaa024
  4. R. A. Hameid et al. SARS-CoV-2 may hijack GPCR signaling pathways to dysregulate lung ion and fluid transport; Januar 2021; doi.org/10.1152/ajplung.00499.2020

Bei Fragen wenden Sie sich bitte an Dr. Sylvia Hafkemeyer (shafkemeyer(at)muko.info) oder Dr. Uta Düesberg (udueesberg(at)muko.info


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