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SARS-CoV-2 und Mukoviszidose: Verläufe oft milder als erwartet

Erste Registerdaten deuten an, dass COVID-19-Erkrankungen bei Menschen mit Mukoviszidose seltener sind und nicht so häufig zu den erwarteten schweren Verläufen führen. Allerdings sind die bisher vorhandenen Daten limitiert, da die Anzahl der Betroffenen noch zu klein ist, um wirklich sichere Aussagen abzuleiten. Von Wissenschaftlern wird diskutiert, ob Menschen mit Mukoviszidose besondere Schutzfaktoren haben könnten, die die leichteren Verläufe erklären könnten. Erstaunlicherweise wurden typische Lungenkrankheiten bisher deutlich seltener mit schweren Verläufen in Verbindung gebracht. Es handelt sich hierbei aber bislang um Vermutungen, die Forschern interessante Ansätze bieten, mehr Licht ins Dunkel zu bringen. Wir werden über weitere Neuerungen an dieser Stelle berichten.

Zahlen aus dem Deutschen Mukoviszidose-Register

Laut Deutschem Mukoviszidose Register sind in Deutschland bisher (Stand 1.9.2020) 16 Menschen mit Mukoviszidose positiv auf COVID-19 getestet. 14 der Erkrankungen verliefen leicht und es gab zwei schwere Verläufe, bei denen ein Patient verstarb. Sechs der infizierten Patienten waren unter 18 Jahre. In der Zusammenstellung des Europäischen Registers, an der derzeit 18 Länder beteiligt sind, gab es 144 dokumentierte Fälle von COVID-19 und CF. Ins Krankenhaus kamen 73 Patienten– drei davon verstarben leider. Bei 25 Patienten zeigten sich gar keine Zeichen einer Erkrankung (asymptomatischer Verlauf) (Stand 10.9.2020). Die Registerdaten werden ständig aktualisiert und können unter dem untenstehenden Link abgerufen werden.

Daten aus anderen Ländern

Auch in wissenschaftlichen Publikationen finden sich inzwischen erste Daten zu CF und COVID-19: In Spanien wurde eine Befragung durchgeführt und gemeinsam mit Registerdaten ausgewertet. In dieser Auswertung gab es trotz der hohen Infektionszahlen in Spanien nur acht CF-Patienten mit COVID-19. Damit lag die Häufigkeit der Infektionen bei CF unter der in der Gesamtbevölkerung: 32 vs. 49 pro 10.000 Personen. In einer belgischen Untersuchung über das Vorkommen von Antikörpern gegen SARS-CoV-2 ergab sich ebenfalls eine niedrigere Häufigkeit bei CF-Patienten (2,3%) im Vergleich mit der Gesamtbevölkerung (4,3%).

Warum CF-Patienten Vorteile in der Corona-Pandemie haben könnten

Generell verlaufen virale Lungeninfekte bei CF deutlich schwerer als in der gesunden Bevölkerung – etwa 60% aller Exazerbationen (Verschlechterungen) sind auf Virusinfektionen zurückzuführen (Stanton et al. 2020). Bei SARS-CoV-2 ist das offenbar anders wie die o.g. Zahlen zeigen.
Warum ist das so? Die genauen Gründe sind bisher nicht geklärt, es gibt aber einige Vermutungen dazu:

  1. Hygiene und Abschirmung: Da Menschen mit Mukoviszidose sowieso verstärkt auf Hygiene achten und sich aufgrund des erwarteten Risikos besonders isoliert haben, könnte es zu weniger Infektionen gekommen sein als erwartet. Selbst in Gebieten wie Spanien mit sehr hohen Infektionszahlen waren die COVID-19-Zahlen bei CF-Patienten deutlich geringer als in der gesunden Bevölkerung.
  2. Risikofaktoren: Übergewicht, Rauchen und Herz-Kreislauferkrankungen zählen zu den häufigsten Risikofaktoren für schwere Verläufe bei COVID-19. Diese Risikofaktoren kommen bei CF selten vor. Übergewicht und Rauchen erhöhen übrigens die Bildung des ACE2-Rezeptors, über den das Virus in die Zelle gelangt.
  3. Lungenmikrobiom: Die Keime in der CF-Lunge schützen womöglich gegen die Corona-Viren durch eine Bakterien-Viren-Interaktion und eine bei CF dauerhaft hochregulierte Immunantwort, so dass das Virus sofort nach dem Eintritt in den Körper, also frühzeitig bekämpft werden kann. Warum das allerdings bei andren Viren nicht so ist, ist ungeklärt. Weitere Forschung ist sicherlich notwendig, um diese Vermutung zu prüfen.
  4. Reduzierung des Viruseintritts in die Zellen: Das SARS-CoV-2 bindet mit seinem Spikeprotein an den Rezeptor ACE2 der Zelle und gelangt daraufhin in die Zelle. Je mehr ACE2, desto leichter kann das Virus in die Zellen eintreten und entsprechend mehr Gewebe zerstören. ACE2 und auch andere Substanzen wie Furin und TMPRSS2, die den Viruseintritt in die Zelle erleichtern, sind bei CF verändert. Das könnte den Viruseintritt in die Zelle erschweren. Es wird diskutiert, dass bei Kindern das ACE2 noch weniger ausgereift ist und deshalb weniger gut funktioniert als bei Erwachsenen. Bei Kindern könnte außerdem auch das Immunsystem eine Rolle spielen. Möglicherweise ist das angeborene Immunsystem durch die vielen Infekte und Impfungen im Kindesalter besser trainiert und aktiver als bei Erwachsenen.
  5. Schützende Faktoren auf Zellebene: Durch das fehlerhafte CFTR kommt es in der Zelle zu Stress, Entzündung und einem Ionen-Ungleichgewicht in der Zelle. Diese könnten die Vermehrung der Viren in der Zelle erschweren.
  6. Azithromycin, das von vielen CF-Patienten genommen wird, reduziert die Entzündung und unterdrückt im Laborversuch Virusinfektionen.

Es handelt sich hierbei bislang um Vermutungen, die Forschern interessante Ansätze bieten, mehr Licht ins Dunkel zu bringen. Es ist damit zu rechnen, dass die Immunologische Forschung durch die Covid-19-Pandemie einen starken Auftrieb erfährt, was auch mehr Wissen über das Entzündungsgeschehen in der CF-Pathologie mit sich bringen könnte.

Quellen und Links

Spanische Auswertung:

Belgische Antikörper-Auswertung:

Publikationen zu möglichen Schutzfaktoren durch CF:

Bei Fragen wenden Sie sich bitte an Dr. Jutta Bend (jbend(at)muko.info).


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