Schließen Bitte unterstützen
Sie uns
Mögliche Spendenbeträge
Jetzt spenden
Einzelansicht

Neue Leitlinie zur personalisierten Phagentherapie veröffentlicht

Stilisierte Darstellung eines Bakteriophagen (sieht ähnlich aus wie eine Schraube mit mehreren Beinen), daneben der Text: Leitlinie zur personalisierten Phagentherapie veröffentlicht
Bakteriophagen, kurz Phagen, könnten künftig eine zusätzliche Behandlungsmöglichkeit für schwer behandelbare bakterielle Infektionen sein. Eine neue internationale Leitlinie beschreibt erstmals umfassend, wie eine personalisierte Phagentherapie qualitätsgesichert und innerhalb bestehender regulatorischer Rahmenbedingungen eingesetzt werden kann. Für Menschen mit Mukoviszidose ist die Entwicklung besonders interessant, da chronische bakterielle Atemwegsinfektionen – beispielsweise mit Pseudomonas aeruginosa – eine wichtige Herausforderung darstellen.
Stilisierte Darstellung eines Bakteriophagen (sieht ähnlich aus wie eine Schraube mit mehreren Beinen), daneben der Text: Leitlinie zur personalisierten Phagentherapie veröffentlicht

Phagen: Viren gegen Bakterien

Bakteriophagen sind Viren, die gezielt Bakterien infizieren und zerstören können. Anders als Antibiotika wirken sie meist nur gegen bestimmte Bakterienarten oder sogar einzelne Bakterienstämme. Für eine Behandlung muss deshalb zunächst genau untersucht werden, welches Bakterium die Infektion verursacht und ob ein passender Phage gegen diesen Bakterienstamm wirksam ist.
Dieser Ansatz könnte insbesondere dann interessant sein, wenn bakterielle Infektionen nur schwer behandelbar sind – etwa weil die Bakterien gegen mehrere Antibiotika resistent sind oder sich in schützenden Biofilmen organisieren.

Ein Rahmen für individuelle Behandlungen

Die jetzt in Nature Medicine veröffentlichte Leitlinie wurde unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI) nach der Methodik der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) entwickelt. Beteiligt waren 20 Fachgesellschaften, Patientenorganisationen, regulatorische Institutionen und 18 internationale Expertinnen und Experten. 
Mitarbeiterinnen des Mukoviszidose e.V. waren in die Erstellung der Leitlinie involviert und konnten dadurch den Blick während der Diskussionen mit den Experten auch auf die CF-typische Keimproblematik in der Lunge lenken.  

Die Leitlinie enthält mehr als 60 Empfehlungen und beschreibt den gesamten Weg von der Auswahl geeigneter Phagen über ihre Herstellung und Qualitätskontrolle bis zur Anwendung, Überwachung und Dokumentation der Behandlung. Auch Anforderungen an die notwendige Infrastruktur und wichtige Forschungsfragen werden benannt.

Ein zentraler Punkt ist die individuelle Anpassung der Behandlung: Vor einer Therapie soll möglichst zeitnah geprüft werden, ob der ausgewählte Phage gegen den jeweiligen Bakterienstamm wirksam ist. Auch während der Behandlung kann eine erneute Prüfung notwendig werden, da Bakterien auch gegen Phagen Resistenzen entwickeln können.

Warum ist das für Menschen mit Mukoviszidose interessant?

Bei Mukoviszidose können sich Bakterien dauerhaft in den Atemwegen ansiedeln. Zu den häufigen und therapeutisch herausfordernden Erregern gehört Pseudomonas aeruginosa. Durch die Bildung von Biofilmen und die Entwicklung von Antibiotikaresistenzen können manche Infektionen besonders schwer behandelbar sein.

Die neue Leitlinie nennt ausdrücklich auch Atemwegsinfektionen als möglichen Anwendungsbereich der Phagentherapie. Sie berücksichtigt dabei unter anderem die individuelle Infektionsgeschichte, vorausgegangene Antibiotika- und Phagenbehandlungen sowie die Lokalisation und Schwere der Infektion.

Ein wichtiger Schritt für neues Wissen und die weitere Entwicklung von Therapien mit Phagen

Die Leitlinie sieht die personalisierte Phagentherapie vor allem als eine individuell zu prüfende Möglichkeit, wenn etablierte Therapien nicht ausreichend wirksam, nicht verfügbar oder nicht anwendbar sind – sie spricht nicht von einer neuen Standartbehandlung. Denn die bisherige wissenschaftliche Evidenz ist weiterhin begrenzt. Es gibt klinische Erfahrungen und erste Studien, aber noch nicht genügend große kontrollierte Studien, um Wirksamkeit und optimale Anwendung für die verschiedenen Infektionen abschließend beurteilen zu können. 

Die Leitlinie schafft nun einen gemeinsamen Rahmen für eine Therapieform, die bislang häufig unter sehr individuellen Bedingungen eingesetzt wurde. Einheitlichere Anforderungen an Auswahl, Herstellung, Qualität, Anwendung und Dokumentation können dazu beitragen, Erfahrungen aus einzelnen Behandlungen besser zu erfassen und wissenschaftlich auszuwerten. Die Leitlinie empfiehlt deshalb auch eine systematische Dokumentation und Registrierung der Behandlungsfälle.

Damit ist die Veröffentlichung ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer verantwortungsvollen und besser strukturierten Entwicklung personalisierter Phagentherapien – auch für Menschen mit Mukoviszidose und schwer behandelbaren bakteriellen Atemwegsinfektionen.

Erstautorin der Leitlinie hat an der Universitätsmedizin Frankfurt ein interdisziplinäres Phagenboard eingerichtet  

Die Erstautorin der Leitlinie, PD Dr. Silvia Würstle, arbeitet eng mit Prof. Dr. Michael Hogardt vom Konsiliarlabor für Mukoviszidose-Bakteriologie sowie mit den Leitern der CF-Ambulanzen in Frankfurt zusammen: PD Dr. Olaf Eickmeier in der Kindermedizin und Dr. Julius Kohlhäufl in der Erwachsenenmedizin.

Bei Patientinnen und Patienten mit Mukoviszidose wird ein möglicher Therapieversuch nach Vorstellung durch die CF-Ambulanz im sogenannten Phagenboard besprochen. Dort wird gemeinsam geprüft, ob eine geeignete Behandlungsoption mit einem vertretbaren Nutzen-Risiko-Verhältnis vorliegt. Parallel laufen weitere Forschungsprojekte zu Phagen und zusätzlich wird ein Register aufgebaut, um Erfahrungen mit der Phagentherapie systematisch zu erfassen und wissenschaftlich auszuwerten.

Kontaktaufnahme:
Wer sich über das Angebot informieren möchte, findet erste Informationen auf der Website der Phagen-Arbeitsgruppe der Universitätsmedizin Frankfurt (zur Webseite). 

Bakteriophagen-Therapie Leitlinie

Würstle S, Lieberknecht-Jouy SC, Düchting A et al. A consensus-based guideline for personalized bacteriophage therapy. Nature Medicine. 2026. DOI: 10.1038/s41591-026-04654-6.