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Therapie mit Bakteriophagen: Update 2020

Der Mukoviszidose e.V. berichtet seit 2014 kontinuierlich über Bakteriophagen. Mit dieser News fassen wir das Wichtigste zum Thema zusammen und machen auf neue Informationen und Projekte aufmerksam.
Schematische Darstellung einer Bakteriophage. Bild von Raman Oza auf Pixabay

Schematische Darstellung einer Bakteriophage. Bild von Raman Oza auf Pixabay

Geschichtlicher Rückblick: Antibiotika boomen – Bakteriophagen werden vergessen 

Bakteriophagen wurden 1917 – also bereits vor 100 Jahren!- von dem Kanadier Felix D’Herelle entdeckt. Im 2. Weltkrieg wurden manche bakteriellen Infektionen mit Bakteriophagen-Präparaten bekämpft und verschiedene europäische und amerikanische Pharmafirmen vertrieben Bakteriophagen als Arzneimittel. Das 1928, also kurz nach den Bakteriophagen entdeckte Antibiotikum Penicillin und nachfolgende Antibiotika, verdrängten die aufwändigere Bakteriophagen-Therapie jedoch vom Markt. Die Antibiotika-Entwicklung boomte seitdem in den westeuropäischen Ländern und in den USA und der Verbrauch in Humanmedizin, Veterinärmedizin und Landwirtschaft stieg seitdem kontinuierlich an – sodass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2015 einen Globalen Aktionsplan zur Bekämpfung von Antibiotika-Resistenzen ausrief. Seitdem steht die unbedarfte Anwendung von Antibiotika auf dem Prüfstand. In Deutschland initiierte das Robert Koch Institut (RKI) bereits 2007 ein Projekt zur Überwachung der Entwicklung von Antibiotika-Resistenzen (ARS - Antibiotika-Resistenz-Surveillance). Ein Pendant zur Erfassung des Antibiotika-Verbrauchs wurde vor kurzem durch das RKI und die Charité in Berlin initiiert (AVS - Antibiotika-Verbrauchs-Surveillance).

Russland und Osteuropa: Bakteriophagen in den Regalen von Apotheken

Die Verfügbarkeit der Antibiotika-Medikamente war in den osteuropäischen Ländern und auch in Russland lange Zeit eingeschränkt. Dadurch blieb in diesen Ländern die Bakteriophagen-Therapie oft die einzige Hoffnung mangels antibiotischer Alternativen. Diese Therapieform verschwand damit nie so ganz aus den Krankenhäusern und Arztpraxen. Auch besteht mit dem 1923 in Tiflis, Georgien, gegründeten Eliava-Institut seitdem ein Hot-Spot der Bakteriophagen-Therapie. Aber auch in Warschau existiert seit 2005 eine auf Bakteriophagen spezialisierte Ambulanz. Bakteriophagen-Präparate stehen in Russland und vielen osteuropäischen Staaten in den Regalen der Apotheken – obwohl die Studienlage eher bescheiden ist, denn die im Rahmen von europäischen Zulassungsverfahren geforderten klinischen Studien zur Prüfung von Sicherheit und Wirksamkeit wurden nie durchgeführt. 

Bakteriophagen passen in keine Arzneimittel-Schublade 

Das liegt aber auch daran, dass die Bakteriophagen nicht so richtig in die „Arzneimittel-Schublade“ der zuständigen Aufsichtsbehörden passen und in den geforderten Studien nur schwer zu untersuchen wären. Bakteriophagen sind Viren, die sich auf den Befall von Bakterien spezialisiert haben. Sie docken an die Bakterien an, injizieren genetisches Material und nutzen die Bakterien zur eigenen Vermehrung. Das Bakterium stirbt ab, wenn die Nachkommen-Bakteriophagen freigesetzt werden. 

Bakteriophagen regulieren Dosierung selber

Die Bakteriophagen-Therapie dosiert sich quasi selber und ist nach Verabreichung nicht kontrollierbar: solange das Wirtsbakterium da ist, vermehren sich die Bakteriophagen, wenn die Bakterien hingegen alle abgestorben sind, verschwinden auch die Bakteriophagen.

Bakteriophagen sind extrem wirtsspezifisch

Bakteriophagen sind darüber hinaus sehr wirtsspezifisch und müssen patientenindividuell, d. h. entsprechend dem krankmachenden Bakterium, eingesetzt werden. Im Labor zeigen sich in einem sogenannten „Phagogramm“ wirksame Bakteriophagen, da sie den Bakterienrasen durch ihre Vermehrung auflösen. Diese Wirtsspezifität ist hinsichtlich der Wirkung von Vorteil, da Bakteriophagen eben nur das zu therapierende Bakterium angreifen und nicht die natürliche Bakteriengemeinschaft zerstören. 

Biologie der Bakteriophagen erschwert systematische klinische Untersuchung 

Die genannten biologischen Vorteile der Bakteriophagen-Therapie, Selbstregulation der Dosierung und Wirtsspezifität, bringen für die klinische Untersuchung in Studien und die Zulassung aber auch Probleme mit sich. Die Wirksamkeit ist oft nur schwer zu untersuchen, da die Dosierung nicht gut einzustellen ist. Eine große europäische Studie (PhagoBurn) ist deswegen möglicherweise gescheitert, da die in dem Präparat vorhandenen Bakteriophagen wahrscheinlich mit der Zeit an Aktivität verloren haben. Ein solch hinsichtlich der Dosierung dynamisches Präparat, welches zudem patientenindividuell hergestellt werden muss, ist eben schlecht mit den Zulassungsregularien zu vereinbaren, denn eine Zulassung als Arzneimittel bedeutet, dass die Zusammensetzung nicht geändert werden darf. Eine patientenindividuelle Zusammensetzung ist damit ein Problem.

Aktuelle Projekte zur Bekämpfung von Pseudomonas aeruginosa

Es tut sich trotzdem etwas. Gleich zwei Projekte richten sich dabei gegen Pseudomonas aeruginosa und versuchen gleichzeitig, die Zulassungshürden zu überwinden.

Phage4Cure

Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierte Phage4Cure Projekt arbeitet an einem Phagen-Cocktail, der aus vier verschiedenen Bakteriophagen unter definierten und standardisierten Bedingungen im Labor zusammengestellt werden soll. Ein solcher Cocktail wäre damit etwas universeller einsetzbar als einzelne Bakteriophagen und eine Zulassung in dieser standardisierten Form wäre denkbar und wird im Dialog mit den Zulassungsbehörden angestrebt. Als Patientengruppe könnten von Phage4Cure auch Mukoviszidose-Patienten profitieren, eine klinische Studie zur Untersuchung einer inhalativen Therapie zur Bekämpfung pulmonaler P. aeruginosa Infektionen ist angekündigt und soll an der Charité stattfinden.

Weitere Informationen zu dem Phage4Cure Projekt

PhagoFlow

Das vom Innovationsfond des gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) geförderte und 2019 gestartete Projekt PhagoFlow richtet sich ebenfalls gegen Pseudomonas aeruginosa, allerdings zur Bekämpfung von Wundinfektionen durch lokale Anwendung (z. B. Salbe oder Tinktur) eines patientenindividuellen Bakteriophagen-Präparats. Das Projekt zielt auf eine Anwendung eines patientenindividuellen Bakteriophagen-Präparats ab („magistrale Anwendung“). Diese Präparate dürfen unter standardisierten Bedingungen von Apotheken hergestellt werden und unterliegen nicht dem üblichen Zulassungsverfahren als Arzneimittel. In das PhagoFlow Projekt ist das Bundeswehrkrankenhaus in Berlin eingebunden und die ersten Patienten sollen Ende 2020 eingeschlossen werden.

Weitere Informationen zu dem PhagoFlow-Projekt 

Renaissance der Bakteriophagen-Therapie?

Möglicherweise steht die Bakteriophagen-Therapie vor einer Renaissance. Denkbar ist zumindest, dass Bakteriophagen die Antibiotika-Therapie zukünftig ergänzen. In Untersuchungen wurde festgestellt, dass manche Antibiotika wieder wirken, wenn vorab oder zeitgleich Bakteriophagen verabreicht wurden. Die Bekämpfung von Biofilmen war im Labor dadurch möglich und auch die Menge der verabreichten Antibiotika könnte möglicherweise verringert werden. Aktuelle Hinweise gibt es derzeit genug, denen vor allem im Zeitalter der Antibiotika Resistenzen, unbedingt nachgegangen werden sollte. 

Viele der Informationen entstammen den Artikeln „Auf der Suche nach Alternativen“ (Deutsches Ärzteblatt Heft 45, 8. November 2019) und „Was lange währt, wird endlich…zugelassen?“ (Laborjournal 11/2019).

Bei Fragen wenden Sie sich bitte an Dr. Sylvia Hafkemeyer (SHafkemeyer(at)muko.info)

Frühere Berichte des Mukoviszidose e.V. zu Bakteriophagen

Weitere Informationen zu Bakteriophagen 

Im Internet frei verfügbare Artikel zur Behandlung einer Mukoviszidose-Patientin mit Mycobacterium abcessus-Infektion: 

Originalartikel (nicht kostenlos verfügbar und in englischer Fachsprache) 

In diesem Beitrag werden Wirkungen bzw. Nebenwirkungen von Arzneimitteln besprochen. Diese Informationen werden durch das Mukoviszidose-Institut ohne den Einfluss Dritter nach bestem Wissen und Gewissen bereitgestellt. In keinem Fall ist damit eine Empfehlung für den Gebrauch oder Nichtgebrauch eines Arzneimittels verbunden. Patienten sollten vielmehr mit ihrem/ihrer Arzt/Ärztin die für sie individuell richtige Therapie besprechen.


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